Estnisches Kauderwelsch

Da die estnische Sprache für deutsche Muttersprachler hinsichtlich Grammatik und Aussprache schon eine sehr außergewöhnliche Sprache darstellt, möchte ich in diesem Abschnitt in loser Folge Wörter oder Wortgruppen vorstellen, die mir im Geschäft, an der Hauswand, im Kühlregal, in der Autobuswerbung oder sonstwo aufgefallen sind und etwas Besonderes zu erzählen haben, sich durch ungemein viele, wahlweise auch durch unaussprechbare Silben auszeichnen oder ganz einfach nur lustig klingen.

Den Anfang bildet ein für mich sehr bedeutsames Wort. Alles begann mit einem kleinen, nichts ahnenden Klecks kohupiimakreem (sprich ungefähr so: kochupiiiiimakreeeeem mit Betonung der ersten Silbe) auf einem Stück Kuchen zur Mittagszeit im Peeteli-Sozialzentrum. Was der Verzehr dieser Speise in mir anrichtete, ist kaum mit Worten zu beschreiben. In welches Verderben sie mich letztlich durch ihren unwiderstehlichen Geschmack stürzte, wage ich kaum zu erwähnen. Fest steht, dass mir diese Creme, verpackt in eleganter Wurstform, seither nicht mehr aus dem Kopf geht und nun schon seit über einem Monat fester Bestandteil meines Kühlschrankinventars ist - weshalb ich es zum Wort des gesamten Monats September gekürt habe. Verdammt, ich liiiiiiiiiiiebe sie!!! Und ich will mehr davon, mehr!! Mehr!!!

Die leckerste Versuchung, seit es Süßigkeiten gibt: kohupiimakreem, Geschmack Vanille
Die leckerste Versuchung, seit es Süßigkeiten gibt: kohupiimakreem, Geschmack Vanille

Und weiter geht es mit dem Kauderwelsch! Wer dachte, dass es nur in Deutschland so seltsam anmutende Städtenamen gibt (wir erinnern uns alle an Wixhausen, Kotzen oder Sommerloch), der war noch nicht in Estland unterwegs. Denn hier gibt es eine kleine, unaufgeregte Stadt unweit von Tallinn, die mit ihrem Namen quasi jeden Einwohner dazu auffordert zu töten... Die Rede ist von Tapa (ehemals dt. Name: Taps, nach dem Gutsbesitzer, auf dessen Land ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt errichtet wurde). Das Wort tapa bildet im Estnischen aber auch die Imperativform von tapma, töten, heißt also konkret übersetzt: töte! (So versicherten mir mehrere Muttersprachler auf einer fröhlichen Freiwilligengeburtstagsparty.) Da hat es Giorgi und Berta, Europäische Freiwillige so wie ich, in eine wirklich makabre Stadt verschlagen! (Und ich habe ganz nebenbei eine neue Vokabel gelernt, die sich nun ins Gehirn gebrannt hat - so kann's gehen.)

22/11/13 In Tallinn ist alles ganz schön modern. Es reihen sich etliche Einkaufszentren gigantischen Ausmaßes am Rande der Altstadt aneinander (naja gut, für mich Kleinstadtkind sind sie jedenfalls riiiiiiesig!), architektonisch bewundernswerte Büro- und Hoteltürme schlängeln sich in den Himmel, an einigen Fassaden flackert einem Bewegtreklame im Stile des New Yorker Time Squares entgegen und in so manchem Bus kann man der eigens für dieses Transportmittel produzierten Stummfilm-Werbung (wohlgemerkt mit estnischen und russischen Untertiteln versehen, weil man ja so gern Werbung mitliest) folgen, wenn man sowieso grad nichts Besseres zu tun hat. So erging es auch mir recht schnell, nachdem mich die immergleiche Umgebung der Busroute 40, die mich tagein tagaus zur und von der Arbeitsstätte wegbringt, irgendwann nicht mehr fesseln konnte. Also schaute ich den Werbebildern eine Zeitlang zu, deren Sinn sich mir auch ganz ohne Untertitel erschloss, weil Werbung nun mal Werbung ist, auch in Estland. Da erstickte eine nett aussehende, kleine Oma fast am Rauch ihres angekokelten Topfes, hätte nicht der Enkel zufällig angerufen und sie aus ihrem Mittagsschläfchen gerissen. Das alles wäre natürlich nicht passiert, wenn sie einen Rauchmelder in der Wohnung gehabt hätte, ist doch klar! Also Rauchmelder kaufen! Abmarsch, Omas! Dann wurde noch irgendein Starsänger angekündigt, der in der hiesigen Mehrzweckhalle seinen nächsten pompösen Auftritt mit allerlei Pyrotechnik und Glitzer von der Decke haben wird und so weiter und so fort, bis..... ja bis mich am Ende eines Spots einer Sicherheitsfirma, die für vielfältige Einsatzmöglichkeiten von Sicherheitsmitarbeitern warb, ein einzelnes zusammenhängendes Wort in grenzenloses Staunen versetzte, weil es sich doch tatsächlich über die gesamte (!!) Bildschirmbreite zog! Ein einziges Wort! Mit gefühlten hunderten von Buchstaben! Und die Esten konnten das offenbar auch noch in den Sekundenbruchteilen, in denen es eingeblendet wurde, erfassen! Ich dagegen brauchte mehrere Spotwiederholungen, um mich davon zu überzeugen, dass es sich hierbei tatsächlich um einen einzigen Begriff handelte und nicht um einen Satz mit zu kleinen Abständen zwischen den Wörtern. Es gelang mir jedoch nie, dieses Wort einmal im Ganzen zu lesen, weil dafür einfach die Einblendzeit nicht ausreichte. Ich wusste nur, dass lennujaam, also Flughafen, darin vorkommt, der Rest verschwamm regelmäßig zu einer Buchstabensuppe, wollte ich mich krampfhaft daran erinnern, was ich zumindest visuell aufgeschnappt hatte. Es musste erst ein waschechter Este des Weges kommen, um mir höflich zu erklären: "Ach, du meinst lennujaamajulgestusteenindaja!" - "Na, aber bestimmt doch!" Um ehrlich zu sein, ich habe keinen blassen Schimmer, ob es tatsächlich dieses Wort ist, was mir in der Buswerbung entgegensprang, und ich habe auch überhaupt keine Ahnung, was es heißen könnte (na gut, irgendwie muss es sich um Flughäfen, Sicherheit und Mitarbeiter drehen, so viel steht fest); ich vertraue aber mal ganz einfach darauf, dass das so stimmt, weil es für mich keinen Grund gibt, an der Aufrichtigkeit der Esten gegenüber Ausländern wie mir zu zweifeln :)