Die Schule ruft

Die Grundschule in Tudulinna
Die Grundschule in Tudulinna

Am ersten Februarwochenende ging es für eine Handvoll Freiwilliger in den äußersten Osten des Landes, und zwar nach Tudulinna zu Zsófia, um in der dortigen Grundschule (die in Estland nicht 4, sondern 9 Klassenstufen umfasst) in kurzen Vorträgen unsere Heimatländer vorzustellen. Und so brachten Slowenen, Deutsche und Ungarn an jenem Abend den kleinen Gastgebern fremde Naturlandschaften, Bräuche, Dialekte und Speisen etwas näher. Das Ganze wurde auf Englisch präsentiert und von den älteren Schülern für die jüngeren ins Estnische übersetzt, da unsere fremdsprachlichen Fähigkeiten noch immer unzureichend entwickelt sind. Einzig Orsolya war in der Lage, ihr Land Ungarn in einfachen, verständlichen estnischen Sätzen zu präsentieren, was mich sehr beeindruckt hat. Mir ist es in sechs Monaten nicht gelungen, einen so umfangreichen Wortschatz und entsprechendes grammatikalisches Wissen zu erwerben, dass ich eine flüssige Unterhaltung in der Landessprache halten könnte. Auch mein Hörverständnis lässt sich nach wie vor als miserabel bezeichnen. Einzig im Verstehen einfacher Texte sind meine Fähigkeiten nicht mehr ganz so rudimentär ausgebildet wie noch zu Beginn. Aber wie soll man auch eine Fremdsprache vernünftig lernen, wenn man sie die meiste Zeit des Tages kaum zu hören bekommt und niemand mit dir in dieser Sprache spricht? Hätte ich damals mit Russisch angefangen, wäre der heute zu berichtende Lernerfolg vermutlich ein anderer. Einige unserer Kinder lernen zwar Estnisch in der Schule und können es wohl auch ganz gut sprechen, aber untereinander reden sie natürlich nur Russisch. Auch mit den Erziehern kommunizieren sie fast ausschließlich in dieser Sprache. Wenn ich dann mal ein paar estnische Wortfetzen in den Raum werfe, gucken mich die Kinder entweder mit großen Augen an oder antworten mir auf Russisch.

Das kleine, eingeschneite Örtchen im Nirgendwo
Das kleine, eingeschneite Örtchen im Nirgendwo

Trotz dieser Hürden habe ich das Erlernen der estnischen Sprache noch nicht aufgegeben. Ich bearbeite weiter fleißig die Lektionen in meinen Sprachbüchern und trainiere das Sprechen und Hörverstehen seit kurzem über ein Sprachtandem. Dazu treffe ich mich regelmäßig mit Karl, einem waschechten Esten, den Krissi und ich über unseren ehemaligen Hostelmitbewohner P. kennengelernt haben. Sein Deutsch ist überragend gut, sodass wir da schon ganz andere, tiefergehende Themen anschneiden können als im Gespräch auf Estnisch. Ich begnüge mich vorerst damit, dass ich über meine Familie reden und ausdrücken kann, was ich auf einem Markt kaufen möchte und wie mein Tagesablauf aussieht. Karl ist sehr geduldig mit mir, wenn ich zum hundertsten Male ansetze, um einen vermeintlich simplen Satz mit den korrekten Fallendungen zu bilden. Er ist aber auch sehr schonungslos und sagt schon mal geradeheraus: "Du bist sehr langsam". So direkt sind aber alle Esten, daran habe ich mich bereits gewöhnt und ich weiß, dass sie es niemals böse meinen. Sie machen einem halt einfach nichts vor.

Meine Winterkluft, die mich zum Michelinmännchen machte
Meine Winterkluft, die mich zum Michelinmännchen machte

Am Tag nach den Vorträgen erlebten Caro und ich den heftigsten Adrenalinstoß seit langer, langer Zeit. Wir hatten gerade einen 10km-Marsch durch den Schneesturm zum größten See Estlands, dem Peipsijärv, hinter uns und wollten gerade auf seine bizarr zugefrorene Oberfläche hüpfen, als uns ein Russe auf seinem riesigen Schneemobil ansprach und uns spontan dazu einlud, eine Runde mit ihm auf dem Eis zu drehen. Noch ehe wir wirklich entschieden hatten, ob wir das tun sollten oder besser nicht, saßen wir schon oben drauf und los ging die irrsinnige Fahrt! Wir rasten über Eisspalten und gezackte Schollenkanten hinweg, direkt hinein in die weiße Schneewand, die einem nur wenige Meter Sicht gestattete. Wie wir das heil überstehen konnten, ohne vom Sitz geschleudert zu werden, ist mir bis heute ein Rätsel. Aber für diesen unglaublichen Gefühlsrausch schaut man gerne darüber hinweg. Es ist ja noch alles dran. Zum Abendessen gab es selbstgemachte, typisch ungarische Kartoffelbällchen mit Äpfeln und Zimt, die diesen wunderbaren Tag im Schnee genüsslich zum Abschluss brachten. Ich freue mich immer wieder über die vielen großartigen Möglichkeiten, die mir der Freiwilligendienst beschert, um auf andere Kulturen zu treffen und ihnen näher zu kommen.

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