Lichter der Stadt

Lichterschmuck selbst in den kleinsten Gassen der Altstadt
Lichterschmuck selbst in den kleinsten Gassen der Altstadt

Was bin ich froh, dass seit gut zwei Monaten die Tage endlich wieder spürbar länger werden. Dass es im Winter sehr dunkel in Estland werden kann, darauf hatten uns unsere Arbeitskollegen ja mehrfach aufmerksam gemacht und sie sollten damit - natürlich! - Recht behalten. Den Dezember habe ich gänzlich grau und trüb in Erinnerung mit einigen wenigen Lichthöhepunkten. So richtig hell wurde es erst gegen halb 10 am Vormittag und um kurz nach 15 Uhr war das Tageslicht auch schon wieder verschwunden. Der Februar zeigt sich momentan auch nicht von seiner besten Seite. Wir haben zurzeit Temperaturen knapp über null Grad, was viel zu warm für einen estnischen Winter ist, und über unseren Köpfen hängt eine dichte, graue Wolkenmasse. Einzig im Januar bekamen wir einen Vorgeschmack darauf, was Winter tatsächlich bedeuten kann: Temperaturen bis zu -20 Grad, eine feste Schneedecke, zugefrorene Seen, Flüsse und Meeresmündungen und eine strahlend schöne Sonne. Das ist aber nun auch schon wieder alles vorbei. Der verbliebene Schnee liegt in dicken, schwarzen Klumpen auf der Straße und benässt unsere Füße; das Meer hat seine schönen Eisschollen verloren und ist zu seiner wabernden Form zurückgekehrt. Die Sehnsucht nach ein paar Lichtstrahlen hat schwindelerregende Höhen erreicht und in mir die ernsthafte Frage aufkeimen lassen, ob ich die Sonne vor Beginn des Sommers noch einmal zu Gesicht bekommen werde. Ein Wetter, das nicht nur fiesen Krankheitserregern beste Möglichkeiten bietet, Einzug in unsere Körper zu halten, sondern auch trübsinnigen Gedankenfetzen alle Tore öffnet.

Nachmittagsbesuch auf dem Tallinner Weihnachtsmarkt
Nachmittagsbesuch auf dem Tallinner Weihnachtsmarkt

Das Leben in der Finsternis wurde uns jedoch zur Adventszeit mit vielen wunderbaren Lichtinstallationen in der gesamten Altstadt reichlich verschönert. Von überall her leuchtete der Lichterschmuck auf uns herab und verbreitete seine wohlige, vorweihnachtliche Stimmung. Auch der mächtige Baum auf dem Marktplatz inmitten all der vielen kleinen, sternförmig angeordneten Weihnachtshütten strahlte sein herrliches Licht in die Welt hinaus. Ich habe noch nie einen so wunderschön lichtverzierten Weihnachtsbaum gesehen. Der estnische Weihnachtsmarkt ist ganz anders als der deutsche. Da gibt es keine lärmenden und wild blinkenden Buden, die dich zu irgendwelchen Schleudertraumata verursachenden Megakarussellfahrten auffordern, auch Fressbuden sucht man hier vergeblich. Stattdessen wird man durch die angenehm ruhige Atmosphäre dazu eingeladen, ein wenig umherzuschlendern, ein Stück von der Elchwurst zu probieren, sich am nächsten Stand mit warmen, in Estland produzierten Wollsachen einzudecken und dabei genüsslich einen glögivein zu schlürfen. Wenn man dann noch nicht zufrieden gestellt ist, kann man auch gern dem Tanzensemble auf der Bühne nebenan zusehen.

Unser ganzer Stolz, das Tannenbäumchen in unserem Hostelappartment, © Krissi
Unser ganzer Stolz, das Tannenbäumchen in unserem Hostelappartment, © Krissi

Das einzige, was ich in diesem Jahr wirklich richtig vermisst habe, weil es bei mir schon zur Tradition geworden ist, ist das Verschlingen einer (oder eher vieler) Tüten Mutzen mit Puderzucker. Oder eines Quarkbällchens. Oder einer Schokobanane. Oder einer Tüte gebrannter Mandeln. All das gibt es hier nämlich nicht, insbesondere die Teigwaren sind den Esten gänzlich unbekannt. Dafür genießt man Berge an Lebkuchen, auf Estnisch piparkook. In der Vorweihnachtszeit werden keine Plätzchen aus verschiedenen Teigen mit verschiedenen Belägen gebacken, wie man es aus Deutschland kennt, sondern man backt Lebkuchen und verziert diese anschließend mit kunterbunten Zuckerglasuren. Für mich Schleckermäulchen eine sehr leckere Alternative :) Ebenfalls untypisch für Estland sind Adventskalender. Man kann sie zwar in den Supermärkten kaufen, aber die meist deutsche Aufschrift macht deutlich, dass es kein typisch estnisches Produkt ist, sondern nur aus Deutschland übernommen wurde. Stattdessen kommt traditionellerweise jede Nacht im Dezember bis zum Heiligabend ein Gnom oder Wicht, der die Socken der Kinder mit kleinen Leckereien oder Spielzeug auffüllt. Damit es auch in unserer ansonsten eher kahlen Hostelwohnung ein wenig nach Weihnachten aussieht, brachte Krissi eines Tages einen von Peeteli-Mitarbeitern und extra für uns geschlagenen Tannenbaum mit, den wir mit echten Kerzen und ein wenig Baumbehang verzierten. Er hat uns sehr lange große Freude an jenen tristen Dezembertagen bereitet.

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