Der Tag der Geschenke

Estnische Soldaten beim Zeltaufbau
Estnische Soldaten beim Zeltaufbau

Jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaue, fällt sie mir auf. Diese kleine, frische Narbe etwas unterhalb des Kinns, zu winzig, um als entstellend zu gelten und doch gerade genug sichtbar, um mir immer wieder lebhaft die Bilder ihrer Entstehung ins Gedächtnis zu rufen. Es sind keine schmerzhaften Erinnerungen, und furchterregend sind sie eigentlich auch nicht. Nur etwas unangenehm, im Nachhinein betrachtet. Dabei begann der Tag nach Nikolaus, den die Esten im Übrigen gar nicht zelebrieren, sehr vielversprechend. Wir mussten früh aus den Federn hüpfen, um rechtzeitig die mit Lebensmittel- und Haushaltspaketen beladenen Transporter in den Stadtteil Kopli zu fahren. Von September bis Dezember sind wir mindestens einmal im Monat zu diesem sozialen Brennpunkt gefahren, um Hilfspakete an Obdachlose und bedürftige Familien auszugeben. Diese Fahrt sollte die letzte des Jahres bilden und sozusagen unser Weihnachtsgeschenk an die Bedürftigen sein.

Zwei Busladungen voller Norweger
Zwei Busladungen voller Norweger

Unterstützt wurden wir an diesem Tag von zahlreichen Norwegern, die dem Peeteli-Sozialzentrum schon seit Jahren finanziell und materiell helfen und die extra für dieses besondere Wochenende angereist waren. Die estnische Armee stellte uns ihre Zelte zur Verfügung, um von dort aus die Verteilungen vornehmen zu können, denn vonseiten der Stadt war es uns aus irgendeinem Grund nicht erlaubt, dies unter freiem Himmel zu tun. Ich begleitete unsere Mentorin Mirjam und eine kleine Gruppe von Norwegern zu Hausbesuchen in der näheren Umgebung, um mir ein Bild von den Menschen dort und ihrer Situation zu machen. Ich war schon einmal bei einem Hausbesuch in einer anderen Gegend dabei gewesen und hatte gesehen, in welch elendiger Umgebung eines unserer zu betreuenden Kinder aufwachsen muss, wohin es jeden Abend nach Schließung des Tageszentrums zurückkehren muss. Da lebt eine ganze Familie in einem einzigen Raum von etwa 20qm Größe mit Schimmel an den Wänden, zwar mit einem winzigen Klo, aber ohne Bad, Küche und Waschmöglichkeit im gesamten Haus und Drogenabhängigen auf den Fluren.

Hausbesuche
Hausbesuche

Die Menschen, die wir dieses Mal besuchten, leben in noch viel größerem Elend. Die Häuser sind nur noch Baracken ohne Strom und fließend Wasser. Es wird meist nur ein einzelner Raum beheizt, da es sonst zu viel Feuerholz verschlingen würde, und die Winter in Estland sind wirklich hart und lang. In diesem Raum findet alles statt, es wird dort gegessen, geschlafen und alles untergebracht, was auf der Straße gefunden und für nützlich erachtet wurde. Die Toilette ist manchmal nur ein leerstehendes Zimmer weiter. Überall stehen Kerzenstummel, um ein wenig schummriges Licht zu spenden. Durch die Fensterreste pfeift unablässig der Wind. In vielen Wohnungen stapelt sich das benutzte Geschirr, das nicht gespült werden kann, weil es keine Möglichkeiten dazu gibt. Wir haben aber auch eine Familie besucht, die sich redlich bemüht hat, ihren Wohnplatz sauber zu halten und nicht wie die anderen im Müll zu versinken. Anlass unserer Besuche war, den von den Norwegern direkt unterstützten Bewohnern die Lebensmittelpakete vorbeizubringen, ihnen einige persönliche Weihnachtsgeschenke in Form von Sach- oder großzügigen Geldspenden zu überreichen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Ich muss sagen, dass sich diese Erfahrungen zwar tief eingegraben haben, weil sie so intensiv und besonders waren; sie haben mich aber nicht verstört, was ich als gutes Zeichen sehe, da ich mir durchaus vorstellen kann, in der Zukunft mit Menschen aus einem ähnlichen Milieu zu arbeiten und dafür muss man robust sein.

Clownsshow
Clownsshow

Nach Verteilung der Hilfspakete bis in den Mittag hinein war der Tag aber noch längst nicht für uns vorbei. Am Nachmittag stand eine große Weihnachtsfeier für bedürftige Familien im Salme Kulturzentrum unweit von Peeteli an. Geboten wurde neben warmem, deftigem Essen ein unterhaltsames Bühnenprogramm mit Clowns sowie ein Weihnachtsmann, der Süßigkeitspäckchen an die Kinder verteilte. Krissis und meine Aufgabe war es dieses Mal, auf den kleinen 4-jährigen A. aufzupassen, der mittlerweile schon seit gut vier Monaten bei uns in der Einrichtung lebt, weil seine drogenabhängige Mutter ihn nicht mehr bei sich haben möchte (und darf) und sowieso mit einem anderen Mann bereits ein weiteres Kind erwartet, und weil sein Vater, der das Sorgerecht für ihn hat, zurzeit im Gefängnis sitzt. Was mit ihm weiter geschehen soll, ob er nach Haftende wieder zum Vater kommt oder vorher in eine Pflegefamilie vermittelt wird, ist noch immer unklar. Ich hoffe so sehr für ihn, dass er die Möglichkeit erhält, in einer liebevollen Familie aufzuwachsen, denn auch die Unterbringung bei uns ist keine gute Dauerlösung. Ein so junges Kind braucht feste Strukturen und keine ständig wechselnden Bezugspersonen.

Kurz vor offiziellem Ende der Veranstaltung musste ich aber schon wieder meinen Rucksack schnappen, um den letzten Bus nach Orgita zu schaffen, einem winzigen Örtchen im Landesinneren und mitten im Nirgendwo. Ich wollte dort mit anderen Freiwilligen eine Doppelgeburtstagsparty auf einem Hausboot feiern. Leider endete der Tag für mich nicht ganz so gut, wie er begonnen hatte, denn er endete mit einer Narbe in meinem Gesicht. Von diesem Erlebnis werde ich in meinem nächsten Beitrag berichten.

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