Head uut aastat!

Ein ganz wunderbares und frohes neues Jahr wünsche ich euch allen! Head uut aastat! Ich hoffe, ihr habt ein herrliches Weihnachtsfest verbracht, seid gut reingerutscht und fühlt euch nun wieder kraftvoll genug, neue Taten zu vollbringen. Mir haben die zweiwöchigen Weihnachtsferien, die ich zusammen mit meinem Freund in Estland verbracht habe, sehr gut getan. Nach vier Monaten Arbeit am Stück und intensiver Vorweihnachtszeit im Sozialzentrum mit vielen Aktionen und Empfängen war eine Pause auch dringend nötig. Am Montag heißt es dann wieder für mich: hinein ins Getümmel! Mein einziger, ernstzunehmender Vorsatz für das neue Jahr hat damit zu tun, besser auf mich und meinen Körper Acht zu geben und mich stärker nach seinen Bedürfnissen auszurichten. Häufig bemerke ich erst viel zu spät die Signale, die er mir gegeben hat, um mir klarzumachen, dass es jetzt genug ist und ich unbedingt einen Gang runterschalten muss. Ich verausgabe mich gern, aber ein bisschen zu oft, auch hier in Estland, sodass nicht genügend Zeit bleibt, um sich zu erholen und neue Kraft für neue Projekte zu schöpfen. Ein uraltes Problem von mir. Aber hier habe ich die Gelegenheit, mich auszuprobieren, ohne dass es fatale Folgen nach sich zieht. Was will ich, was kann ich, was darf ich? Was will ich auf keinen Fall? Ich kann meine Grenzen und meine Belastbarkeit in einem realitätsnahen Arbeitsszenario austesten und mich im Nein-Sagen üben, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Der Lernprozess während dieses Lerndienstes läuft also auf Hochtouren.

Im Wald von Vääna-Jõesuu
Im Wald von Vääna-Jõesuu

Das neue Jahr ist nun also eingeläutet, neue Geschichten wollen aus mir heraussprudeln, und doch sind noch längst nicht alle aus dem alten Jahr erzählt. Eine von ihnen möchte ich euch hier in einer kleinen Bilderflut erzählen. Es war Mitte November, das Wochenende stand vor der Tür, es verhieß sonnig zu werden. Wie gern hätte ich mich zwei Tage lang einfach nur auf mein Bett geworfen und gelesen oder meine Lieblingsserien geschaut und mich dem Nichtstun unterworfen. Erst kürzlich habe ich in einem der deutschen Onlinemagazine gelesen, dass der Mensch es fast verlernt hat, einfach mal nichts zu tun, nichts zu unternehmen, nichts zu besorgen, zu erledigen, zu besprechen. Einfach nichts. Vor allem am Ende einer Arbeitswoche ist bei mir der Wunsch nach Nichtstun enorm ausgeprägt, weil sie mir alles abverlangt hat. Doch wenn die Sonne draußen scheint und ich sie vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr sehen kann (was tatsächlich in dieser Intensität und Dauer der Fall war, aber das ahnte ich zu dem Zeitpunkt natürlich nicht), hält mich nichts mehr. Dann muss ich hinaus, mich bewegen und all die vielen farbenfrohen Bilder der Natur einsaugen, um sie so lange wie möglich in mir zu bewahren und in grauen Zeiten davon zehren zu können.

Das Meer - meine große Liebe
Das Meer - meine große Liebe

Also stieg ich erneut in einen Bus Richtung Westen, den ich in der Vergangenheit schon zwei Mal genommen hatte, um mir die malerischen Küsten und Wälder abseits von Tallinn anzusehen. Mein Weg führte mich dieses Mal nach Vääna-Jõesuu, einem winzigen Ort mit einer Handvoll Häusern, dafür aber ganz viel Wald. Eine Karte hatte ich wie immer nicht dabei; die nahe Küste und ein Fluss sollten mir zur Orientierung genügen. An diesem Tag schritt ich durch lichtdurchflutete Kiefernwälder, ein breiter Fluss in tiefstem Blau schlängelte sich gemächlich neben mir entlang, die langen Schatten der Bäume um halb 1 Uhr nachmittags beeindruckten mich sehr. Wenn es um diese Zeit schon so aussah wie gewöhnlich um 4 oder 5 Uhr am Nachmittag, dann ließ der kürzeste Tag des Jahres wirklich nicht mehr lange auf sich warten. Irgendwann gelangte ich zur Küste. Das Meeresrauschen hatte ich schon lange vorher vernommen. Ach, dieser Anblick, wenn das Meer sich zu Wellen aufbauscht und auf die Küste trifft, verzückt mich jedes Mal auf's Neue und lässt mein Herz Purzelbäume schlagen. Diese Anziehung, die das Wasser auf mich ausübt, ist überwältigend. Vielleicht kann sie nur jemand nachempfinden, der mit dem Meer großgeworden ist. Vielleicht stimmt das aber auch nicht.

Die Steilküste von oben
Die Steilküste von oben

Der Tag war perfekt für allerlei Wellenreiter, so sehr stürmte die See. Ich folgte dem Küstenverlauf und der immer tiefer stehenden Sonne und traf auf eine herrliche Steilküste, die ich mithilfe eines Seils, das dort einfach so herumbaumelte, mit etwas Mühe überwand und mir dabei die Jeans einsaute (warum habe ich eigentlich eine Wanderhose eingepackt, wenn ich sie nie bei solchen Anlässen anziehe?). Oben angekommen, belohnte mich die Sonne mit ihrem Lichtspiel und ich entschied mich, noch ein wenig länger umherzustreifen und nicht sofort wieder umzukehren. Also stiefelte ich weiter nach Keila-Joa. Auf der in meinem Kopf abgespeicherten Karte waren Vääna-Jõesuu und Keila-Joa nicht wahnsinnig weit voneinander entfernt, vielleicht ein paar Kilometer. Irgendwann traf ich auf den mir bekannten Strand von Keila-Joa mit den zahlreichen Findlingen im Wasser. Die Sonne ging erst unter, als ich glücklich, aber erschöpft in den Bus zurück nach Tallinn kroch.

 

Wohin es mich am darauffolgenden Tag verschlug, könnt ihr bald in meinem nächsten Eintrag nachlesen. Bis dahin alles Liebe, eure Eva.

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