Die magische Welt von Keila-Joa

Der Keila jõgi, nachdem er den Höhenunterschied von gut 6 Metern überwunden hat
Der Keila jõgi, nachdem er den Höhenunterschied von gut 6 Metern überwunden hat

So manches Mal denke ich, dass es mir als Freiwillige besser ergeht als noch als Studentin. Ich muss mir keine Gedanken darum machen, ob genug Geld vorhanden ist, um die monatliche Miete für meine Wohnung zu bezahlen, weil sich meine Aufnahmeorganisation darum kümmert. Ich muss mich nicht jede Woche aufs Neue fragen, wer denn nun die Wohnung putzt, weil das eine nette Dame aus dem Hostel für uns erledigt (ob ich unselbstständiger zurückkehren werde als ich angekommen bin?). Ich habe zudem klar definierte Arbeitszeiten und kann am Wochenende tun und lassen was ich will (als Studentin fühlte sich jeder Tag irgendwie gleich an, da gab es keinen Unterschied z.B. zwischen Samstag und Mittwoch). Und so nutzte ich Mitte Oktober, als die Sonne noch bis 18 Uhr am Himmel zu sehen war, ein solches Wochenende dazu, weiter außerhalb Tallinns herumzustreifen. Durch Zufall hatte ich erfahren, dass es nur etwa 30 km fernab von Tallinn einen berauschenden Wasserfall gäbe, der zwar nicht der größte der Welt sei, aber dennoch sehenswert. Also stieg ich schnurstracks in den nächsten Bus und machte mich auf nach Keila-Joa, den Ort, an dem sich das kleine Naturwunder befinden sollte. Eine Karte hatte ich nicht dabei, war mir aber sicher, mich schon irgendwie zurechtzufinden. Meine Orientierung funktioniert glücklicherweise ganz gut in der Natur (im Alltag, wenn ich mit "Erwachsenendingen" konfrontiert werde, gelingt es mir dagegen manchmal nicht so zuverlässig...). Der Landbus ist übrigens die beste und günstigste Reisemöglichkeit in Estland, da das Netz sehr gut ausgebaut ist im Vergleich zum Autobahnen- oder Schienennetz und es einen zuverlässig in jeden Winkel des Landes bringt. An jenem Tage war das Wetter sehr wechselhaft; es stürmte unablässig, riesige Haufenwolken schoben sich über den Himmel und brachten mal Regen, mal heftigen Hagel auf die Erde und manchmal ließen sie auch die Sonne durchblitzen. Das Meer tobte aufgewühlter denn je. Ich mag es sehr, wenn die Natur derart in Aufruhr ist. Ich habe dann das Gefühl, dass der Sturm, der draußen tobt, durch seine Wucht meinen inneren Sturm zur Ruhe bringt und alles, was bis dahin durcheinander geraten war, wieder in Ordnung ist. Die Schönheit und die besondere Stimmung dieses Ortes haben es mir damals sehr angetan, weshalb ich danach noch zwei weitere Male - allerdings auf verschiedenen Wegen - dorthin zurückkehrte. Im tiefsten Winter, wenn das Wasser gefroren sein wird und der Wasserfall bizarre Eiszapfen gebildet hat und sich die Eisschollen der Ostsee gen Land schieben, werde ich auf jeden Fall erneut zurückkommen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Krissi (Mittwoch, 04 Dezember 2013 20:48)

    Und wenn du dann im Winter zu den Eiszapfen hin gehst, dann will ich mitkommen :)

  • #2

    Eva (Mittwoch, 04 Dezember 2013 23:20)

    Na aber gerne doch :) Und da liegt dann vielleicht auch gerade so viel Schnee, dass wir unsere lang angekündigte Schneeballschlacht an jenem Ort fortsetzen können, muhahahahaa