Süßer die Glocken nie klingen

Dieser Montag begann nicht gerade außergewöhnlich. Krissi und ich verpassten wie jeden Morgen um ein Haar unseren Bus, den wir unbedingt kriegen müssen, um wenigstens noch halbwegs pünktlich im Sozialzentrum zum Mitarbeiter-Frühstück zu erscheinen; ich rieb mir wie immer, wenn ich so früh aufstehen muss (jaaah....9.30 ist für mich Nachteule früh), auf dem Weg zur Bushaltestelle noch den Schlafsand aus den Augen; und ich saß schließlich wie jeden Morgen noch etwas verträumt mein Toastbrot kauend zwischen all den estnischen Mitarbeitern und verstand nur Bahnhof. Soweit war also alles wie immer. Aber wir wären ja nicht in Peeteli, wenn es nicht auch an diesem Tag wieder eine Überraschung gegeben hätte. Und die war dieses Mal sogar richtig groß, auch im sprichwörtlichen Sinne. So erfuhren wir, dass noch am selben Tag eine neue Glocke in den Kirchturm eingesetzt werden sollte. Unsere Kollegen wussten das bestimmt schon vorher, denn solch eine Aktion wird auch in Estland nicht spontan entschieden, doch uns hatte man mal wieder nichts gesagt ;) Wir hatten an jenem Morgen allerdings etwas Zeit, dabei zuzusehen, wie das Glockenungetüm, das übrigens aus Deutschland stammt und eine deutschsprachige Inschrift trägt, mit einem speziellen Kran hinaufgewuchtet wurde. Dazu stiegen wir auf den Kirchturm, um die Arbeiten hautnah miterleben zu können. Ich hatte dort oben zwar ständig das Gefühl, im Weg herumzustehen, weil es einfach kaum Platz gab für eine große Glocke, jede Menge Baumaterialien, zwei Arbeiter und ebenso viele Schaulustige, aber die beiden Arbeiter nahmen es recht gelassen oder zumindest ließen sie es sich in estnischer Manier nicht anmerken, dass wir möglicherweise stören. Wir hatten jedoch ausreichend Zeit, uns die schöne Umgebung von oben anzuschauen und die Altstadt mal von einem anderen Blickwinkel aus zu betrachten. Und da an jenem Tag endlich mal wieder die Sonne hervorlugte (juhuuu - Licht!), war der Ausblick ein besonderer Genuss. In der Nacht zuvor war sogar etwas Graupel gefallen, weshalb man nun überall auf den Dächern und Straßen eine zartweiße Decke ausmachen konnte. Lange Zeit hatte die Peeteli-Gemeinde keine Glocke besessen, da in den 60ern, als Estland noch fest in sowjetischer Hand war, das Kirchenschiff als Filmstudio genutzt und die damalige Glocke entwendet und eingeschmolzen wurde - mit der Begründung, ein Filmstudio brauche ja keine Glocke mehr. Seit gestern hängt dort oben wieder eine und sie ist sogar die erste freischwingende evangelische Glocke in ganz Tallinn! Und wir hatten das Glück, an diesem für die Peeteli-Kirche so wichtigen Moment teilzuhaben.

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Kommentare: 3
  • #1

    Tschibi (Donnerstag, 28 November 2013 03:15)

    Und wie klingt sie denn nun?!?

  • #2

    Eva (Donnerstag, 28 November 2013 18:15)

    Hmm, gute Frage... ich habe ihren Klang bisher noch nicht vernommen, weil ich als Nichtkirchenkind nie zur Messe am Sonntag gehe. Ich vermute aber mal wunderwunderschön :)

  • #3

    Krissi (Samstag, 30 November 2013 07:43)

    Tere! Hier meldet sich krissi - die andre freiwillige aus SCHWABEN. Eine kleine ergänzung zur evas bildbetitelung: wer die schwäbische sonne im herzebn trägt, der braucht einfach keine jacke ;).