Ferienzeit - juchei!

Letzte Woche waren Herbstferien in Estland. Und das versprach für die Kinder im Peeteli-Sozialzentrum wie auch für uns Freiwillige eine aufregende Woche mit allerlei buntem Programm zu werden. Unser Tag begann jedes Mal sehr gemütlich um 10 Uhr mit einem ausgedehnten Frühstück zusammen mit den Erziehern und Sozialarbeitern sowie den Kindern, die bereits um diese Uhrzeit da waren, und endete meist irgendwann am späten Nachmittag.

Die Ferienwoche wurde mit einem russischen Kulturtag eingeläutet, an dem traditionelle Tänze, Trachten und Speisen mittels kleiner Videos und Powerpoint-Präsentationen vorgestellt wurden. Einige der Mädchen, die ich regelmäßig im Sozialzentrum antreffe, standen schließlich Modell, um vorzuführen, auf wie viele verschiedene Arten man ein Kopftuch tragen kann. Bei einem Besuch in der russisch-orthodoxen Kirche in der Tallinner Altstadt war mir bereits aufgefallen, dass die Frauen dort üblicherweise ein Kopftuch tragen, dieses aber auch gern außerhalb der Kirche als modisches Accessoire verwendet wird. Während der ganzen Präsentation habe ich allerdings nicht wirklich viel an inhaltlich Konkretem verstanden, da die Vorstellung nur auf Russisch erfolgte wie überhaupt um mich herum eigentlich nur Russisch gesprochen wird und eher selten Estnisch. Das liegt daran, dass zu uns ins Tageszentrum nur russisch-sprachige Kinder kommen, von denen die wenigsten Estnisch beherrschen, sodass die Erzieher und Lehrer auch nur auf Russisch mit ihnen kommunizieren. Peeteli betreut zwar auch viele estnische Familien, die sich aber schämen, bedürftig zu sein und daher eher bei größeren Veranstaltungen des Sozialzentrums auftauchen, weil sie dort nicht so sehr auffallen.

Da Russisch also die dominierende Sprache in meiner Arbeitsstelle ist, überlege ich gerade ernsthaft, neben dem Estnisch-Sprachkurs auch mit Russisch zu beginnen, um wenigstens ein paar Sätze mit den Kindern wechseln zu können. Auch nach gut zwei Monaten verständigen wir uns nämlich vorrangig noch mit Händen und Füßen und manchmal frustriert es mich, nicht näher auf die Kinder eingehen zu können, sie nach ihrem Befinden zu fragen und in Erfahrung zu bringen, was sie jetzt gern machen würden. Die Sprachbarriere verzögert es meiner Ansicht nach sehr, einander kennenzulernen, Nähe zu schaffen und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Dies wird ohnehin schon durch den sozialen Hintergrund der Kinder erschwert. Bis sie sich einem anvertrauen und Nähe zulassen, vergeht deutlich mehr Zeit als bei Kindern, die in einem sicheren und sie umsorgenden Umfeld aufwachsen können. Zu Beginn meines Dienstes habe ich noch über die Verständigungsschwierigkeiten hinweg gesehen, weil ich erlebt habe, dass man auch über gemeinsames Spielen derartige Barrieren überwinden kann und Sprache dabei vollkommen unwichtig wird. Bei den Kleineren klappte das wunderbar. Wie aber stellt man das bei den Älteren an, die gerade in der Pubertät sind? Mit denen kann man kaum Versteck- oder Fangspiele spielen, wenn man nicht blöd angeschaut werden möchte. Lange Zeit war mir nicht klar, wie man am besten Kontakt mit ihnen aufnehmen könnte. Doch mittlerweile hat es sich bewährt, irgendein Gesellschaftsspiel zu beginnen oder zu basteln, dann kommen die Kinder, die Interesse daran haben, ganz von allein zu uns.

 

Unsere Kinderhorde im Bergwerksstollen von Kohtla-Nõmme
Unsere Kinderhorde im Bergwerksstollen von Kohtla-Nõmme

In den letzten Tagen konnten wir die Bande zwischen uns und den Kindern durch gemeinsame positive Erlebnisse wie dem Schlittschuhlaufen, Bowlen oder einem Ausflug ins Bergwerk noch einmal deutlich ausbauen und verstärken. Das letztgenannte Ausflugsziel befand sich in Kohtla-Nõmme, einer Industriestadt weit im Osten des Landes. Russland ist von dort nicht mehr fern, nur 65km sind es bis zur Grenze; bis nach Tallinn sind es dagegen rund 165km. Damit wir auch was vom Tage haben, ging es gegen 9 Uhr in Früh mit einem extra für die Fahrt gemieteten Oldtimer-Bus los. Jacke, Schal und Mütze musste man während der Fahrt auf jeden Fall anbehalten, sonst wäre einem alles abgefroren, so kalt war es in diesem ungedämmten, klapprigen Fahrgestell. Das Bergbaumuseum war für mich nur mäßig interessant, weil ich zum einen in meinem Leben bereits in etlichen Bergwerken war und zum anderen mal wieder nichts verstanden habe, weil die Führung - na klar - auf Russisch war. Es gab zwar noch eine Führung auf Estnisch für die Kinder, die bereits ganz gut Estnisch können und für die Muttersprachler unter ihnen, aber auch das hätte mir bekanntermaßen nicht viel gebracht. Aber bei dieser Reise gings ja auch nicht um mich, sondern darum, dass die Kinder mal aus Tallinn herauskommen und einen schönen Ferientag erleben. Beeindruckend waren allerdings die vorgeführten Maschinen, mit denen der Ölschiefer abgebaut wurde. Mächtig gewaltig, sag ich nur!

Eine der größten Erhebungen in Estland, die auch für den Wintersport genutzt wird
Eine der größten Erhebungen in Estland, die auch für den Wintersport genutzt wird

Ein wirklich großartiges Erlebnis hatten wir nach dem Besuch des Bergbaumuseums. Eigentlich war geplant, mit den Kindern durch den Wald zu stapfen. Aber wir kamen auf unserem Weg an einem der größten (und künstlich geschaffenen) Hügel Estlands vorbei, und so hielten wir dort an, um ihn zu erklimmen und uns von dort oben die Welt anzusehen. Die Esten sind von einem 300m-Hügel tatsächlich sehr beeindruckt, weil das gesamte Land so unglaublich platt ist und jede Erhebung und Wellung im Boden eine Besonderheit ohnegleichen darstellt. Ich als bergerprobtes Mädel fand es aber total hinreißend und den Hügel sehr süß, zumal wir dort den allerersten Schnee der Saison bestaunen durften! (Das Weiße auf den Hügelbildern ist wahrhaftig Schnee und keine Lichtspielerei. Zwar noch nicht so üppig, aber der Anfang ist gemacht :)) Auf dem Weg zurück zur platten Erde entdeckten einige der Kinder Geländerennfahrzeuge (oder sowas in der Art) und wollten darin herumgeschoben werden. Für sowas bin ich immer zu haben und so wuchteten wir alle gemeinsam die Autos auf eine kleine Anhöhe, um von dort zum Ausgangspunkt zurückzusausen. Wir waren danach alle vollkommen fertig, aber sehr sehr glücklich. Die Kinder an diesem Tag so ausgelassen lachen und herumtollen zu sehen, hat in mir große Zufriedenheit hervorgerufen, weil man offensichtlich wieder etwas Gutes vollbringen konnte. Und ich konnte ganz nebenbei auch wieder meinen Körper stählen, muhahahaa ;) Ich habe in den vergangenen knapp zwei Monaten derart viele Muskeln aufgebaut, das hätt ich mir im Leben nicht erträumt! Aber wer jeden Tag kleine Kinder herumträgt, herumwirbelt und mit ihnen herumrennt, der bekommt zwangsläufig einen meeeegafitten Body - da spart man sich definitiv das Geld für's Fitnesscenter :)

Erschöpfte Freiwillige nach dem Schlittschuhlaufen
Erschöpfte Freiwillige nach dem Schlittschuhlaufen

Es liegt also eine sehr kurzweilige Woche hinter mir, in der wir alle ein kleines Stückchen näher zusammenrücken konnten. Die Kinder hatten dank Peeteli die Möglichkeit, aus ihrem Alltag auszubrechen, Neues zu entdecken und Neues zu erfahren. Die strahlenden Gesichter am Ende eines Tages sind die Dinge, die mich so sehr glücklich machen. Zu wissen, dass es ihnen heute wieder gut ging, löst ein unbeschreibliches Gefühl in mir aus. Seit dieser Ferienwoche begrüßen uns einige der älteren Mädchen mit einer innigen Umarmung, was sie vorher niemals getan haben. Vielleicht habe ich doch intuitiv etwas richtig gemacht...

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0