Und hinein ins Getümmel!

Blick auf die Tallinner Altstadt
Blick auf die Tallinner Altstadt

Eine Woche ist nun vergangen. Eine Woche, seit ich Deutschland per Reisebus hinter mir gelassen habe und meinen Freunden und meiner Familie Lebewohl gesagt habe. Eine Woche, in der ich mein neues Tätigkeitsfeld für das nächste Jahr kennengelernt habe und all die Menschen, die mich dabei tagtäglich begleiten werden. In dieser einen Woche habe ich bereits so viel gesehen und erlebt und so viele wunderbare Erfahrungen gemacht, dass ich schon jetzt sagen kann: die Entscheidung, nach Abschluss des Studiums einen Freiwilligendienst zu machen und  nach Tallinn zu gehen, war richtig. Hier fühle ich mich befreit von all dem Stress und der Hektik, die mich die letzten Wochen und Monate fest in ihrem Griff hatten. Hier habe ich endlich das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu tun, gebraucht zu werden und wieder genug Zeit zu haben, um mich den wichtigen Dingen im Leben zuzuwenden.

Mein Lieblingsort vor dem Bastionsturm Kiek in de Kök
Mein Lieblingsort vor dem Bastionsturm Kiek in de Kök

Aber was hab ich denn nun alles erlebt? Nach der sehr sehr langen Reise von ungefähr 30 Stunden (ich empfehle deshalb unbedingt das Flugzeug, wenn man es sich leisten kann!) konnte ich mir am darauffolgenden Tag noch frei nehmen und ich habe die Zeit genutzt, dringend benötigten Schlaf nachzuholen und mir mein neues Zuhause etwas genauer anzusehen. Alles, was ich von anderen über Tallinn gehört habe, ist wirklich wahr! Sie ist traumhaft schön, die Mauern rundherum sind gewaltig, die kleinen Gässchen mit ihren versteckten Cafés laden zum Verweilen ein und die Stadt scheint eigentlich nur aus Türmen und Kirchen zu bestehen. Ihren mittelalterlichen Charme hat sie sich über die Jahrhunderte gut bewahrt. Ich habe schon meinen Lieblingsplatz gefunden, direkt vor dem Bastionsturm, an den ich immer wieder gern zurückkehre und die Ruhe genieße. Hier laufen nur wenige Touristen entlang bzw. wenn eine Horde im Anmarsch ist, verweilt sie nur kurz und ist dann auch schon wieder verschwunden. An die ganzen Menschenmassen tagsüber muss ich mich erst noch gewöhnen und mich in Gelassenheit üben. Solange das Wetter gut ist, wird der Strom an Touristen nicht abreißen, sie werden außer vielleicht im Winter immer da sein und das Stadtbild prägen. Damit muss ich leben :) 

Meine Dienststelle, das Peeteli-Sozialzentrum
Meine Dienststelle, das Peeteli-Sozialzentrum

Am Mittwoch begann dann mein erster richtiger Arbeitstag. Aufgeregt oder nervös war ich nicht, da ich gern die Dinge auf mich zukommen lasse und einfach erstmal schaue, was so passiert. Krissi, meine Mitfreiwillige, hatte mir auch schon einiges über Peeteli erzählt, da sie bereits eine Woche vor mir angereist war. Ganz unvorbereitet war ich also nicht. Und dank Krissi musste ich mir auch keine Gedanken darüber machen, wie ich an eine Busfahrkarte komme, in welchen Bus ich einsteigen und wo ich wieder raus muss, um zum Sozialzentrum zu gelangen. Das war wirklich sehr bequem, hehee. Die Mitarbeiter dort sind uns gegenüber sehr aufgeschlossen und freundlich, sie erzählen uns viel über die Kinder und erklären uns ihre Arbeit. Sie geben sich viel Mühe, dass wir uns schnell ins Team integrieren. Alle sind dort ungemein engagiert und kümmern sich liebevoll um die Kinder und Jugendlichen, das ist so schön zu beobachten! Denn das ist etwas, was sie von ihren Eltern meist nicht erfahren: Liebe, Anerkennung und Wertschätzung. Die Kinder, die dort nach der Schule ins Tageszentrum kommen, sind überwiegend russischsprachig und kommen aus sozial schwachen Familien. Oft leben sie mit ihren Eltern oder der Mutter, den Großeltern und mehreren Geschwistern auf engstem Raum zusammen und haben nicht genug Mittel zur Verfügung, die grundlegendsten Bedürfnisse zu befriedigen. Im Peeteli Sozialzentrum erhalten sie nachmittags eine warme Mahlzeit und Hausaufgabenbetreuung. Danach ist gemeinsame Freizeit angesagt, bis sie dann um 6 nach Hause geschickt werden. Viele wollen nicht von dort weg und müssen dann sachte gebeten werden zu gehen... Eines der wichtigsten Ziele des Zentrums ist es, dass die Kinder zur Schule gehen und wenigstens ihren Klasse-9-Abschluss machen, denn nur so kann es ihnen gelingen, aus dem Teufelskreis auszubrechen, eine weiterführende Ausbildung zu beginnen und einen Job anzunehmen, der ihnen ein besseres Leben ermöglicht. Unsere Aufgaben als Freiwillige sind zunächst, in der Küche auszuhelfen und im Lager mitanzupacken, wo Lebensmittel- und Sachspenden aufbewahrt werden, die zu gegebener Zeit verpackt und verteilt werden. Bei der Hausaufgabenbetreuuung können wir zur Zeit noch nicht so viel helfen, weil die Bücher der Kinder auf Russisch sind und ich kein einziges Wort Russisch beherrsche geschweige denn lesen kann. Ich verstehe also gar nicht die Aufgaben, die die Kinder machen sollen und kann es ihnen dementsprechend auch gar nicht erklären. Einige können ein paar Brocken Englisch oder Estnisch und meine Hoffnung ist, dass ich nach unserem Sprachkurs im Oktober und November zumindest ein wenig auf Estnisch mit ihnen kommunizieren kann. Ein paar Sätze und Zahlen kann ich immer mal wieder einstreuen (es hat sich also doch gelohnt, vor meiner Abreise ein bisschen schon mal vorzulernen!), aber es genügt eben noch nicht, die Gespräche zwischen den Erziehern zu verstehen oder den Kindern zu erklären, was ich jetzt mit ihnen vorhabe. Um miteinander zu spielen, ist eine gemeinsame Sprache allerdings nicht vonnöten. Das geht auch mit Händen und Füßen und ist immer wieder schön zu erleben, wie beide Seiten sich bemühen, dem anderen verständlich zu machen, was man gerade meint und machen will. Solange das Wetter gut ist, bin ich viel mit den Kleineren draußen und spiele Fußball (ich bin erstaunlich gut und wohl ein guter Spielpartner, zumindest werde ich vom ca. 7-jährigen Maxim immer wieder dazu aufgefordert :D). Oder ich vergnüge mich mit Kickern, aber da sind die Kinder deutlich besser als ich.

Ja, es gibt auch Strand in Tallinn :)
Ja, es gibt auch Strand in Tallinn :)

Von einem besonderen Ereignis in dieser Woche möchte ich zum Abschluss noch erzählen. Am Freitag und Samstag hatten wir Besuch von Förderern aus Norwegen. Sie unterstützen Peeteli schon seit einigen Jahren und organisieren für die Kinder jährlich Sommercamps in Norwegen, in denen sie für 10 Tage Abenteuer pur erleben wie Reiten, Wandern, Schwimmen, Bootfahren, Angeln, Sommerskifahren und und und. Die Bilder haben die Norweger am Samstag bei gesponserter Pizza gezeigt und es sah wirklich nach einem riesengroßen Erlebnis aus. Wir haben uns so gut mit den Norwegern verstanden und sie waren so begeistert von uns (obwohl wir eigentlich gar nichts Besonderes gemacht haben....), dass sie uns gern nächstes Jahr, sollte wieder ein Camp stattfinden, dabei haben wollen. Das wäre natürlich groooooooooooßartig und wahnsinnig aufregend!! Ina, unsere Vorgänger-Freiwillige, war dieses Jahr dabei und es sieht ganz gut aus, dass das auch mit uns klappt. Man darf gespannt sein! Am Freitag fand ein youth evening in der Peeteli-Kirche statt. Dort unterschrieben drei Jugendliche öffentlich einen Vertrag, mit dem sie sich dazu verpflichten, regelmäßig zur Schule zu gehen und dafür ein Stipendium in Höhe von ca. 20 bis 40€ zu erhalten. Das Stipendium wird von der norwegischen non-profit-Organisation ausgeschrieben.

WM-Qualispiel Estland gegen Niederlande - wir waren überraschend dabei!
WM-Qualispiel Estland gegen Niederlande - wir waren überraschend dabei!

Danach wollten Krissi und ich schon nach Hause gehen, aber die Norweger bestanden darauf, dass wir noch beim gemeinsamen Pizza essen mit den Jugendlichen dabei sind. Das konnten wir natürlich nicht ausschlagen. Und irgendwie, ich weiß auch nicht wie das gelingen konnte, waren dann auch noch zwei Karten für das WM-Qualifikationsspiel Estland gegen die Niederlande für uns übrig, sodass wir die Jugendlichen also auch noch dazu begleitet konnten. Einfach der helle Wahnsinn! Was uns in dieser Woche alles zuteil wurde, ist ein großes Geschenk. Das Spiel war ausgesprochen fair und spannend zu erleben. Krissi und ich haben schnell den Schlachtruf der Esten gelernt: Võitle, Eesti, võitle! - was soviel heißt wie: Vorwärts, Estland, vorwärts! Die Esten führten lange Zeit mit 2:1, mussten dann aber in der 90. Minute das Ausgleichstor per Strafelfmeter schmerzlich hinnehmen. Sie haben wirklich tapfer und zäh gekämpft und den Niederländern viele Schwierigkeiten bereitet.

 

 

Was die nächste Woche für uns bereithält, darauf bin ich schon sehr gespannt und werde zeitnah berichten. Peatse jällenägemiseni(=bis bald)!

Stadtimpressionen

Von Kirchen und Türmen

Kommentare: 1
  • #1

    Matthias (Montag, 09 September 2013 10:17)

    Mit einem Wort: Unglaublich! Dein Bericht ist so detailreich und schön geschrieben. Man bekommt ein ziemlich genaues Bild, wie deine Woche war und wie viele wunderbare Erlebnisse du hattest. Und ich habe RIESEN Lust bekommen das Alles live zu sehen.:) Weiter so! Achso und die Bilder: Klasse Aufteilung. Wirklich beeindruckende Bauten. Und wunderschöne Farben. i like